Aufmerksam folgten ungefähr fünfzig Personen Joachim Scheck und verfolgten bei herrlichem Sonnenschein interessiert seine Ausführungen zu ausgewählten Stellen der Wiehre.

Das wasserreiche und somit feuchte, Krankheiten fördernde Gebiet südlich der Dreisam war über Jahrhunderte dünn besiedelt und wenig attraktiv: Ein paar Gehöfte prägten das Bild der Gegend, die mehrmals aufgrund kriegerischer und festungsstrategischer Maßnahmen dem Erdboden gleich-gemacht wurde. Sichtbar ist kein Gebäude in der heutigen Wiehre, die vorrangig aus dem vergangenen Vorort Adelhausen besteht, älter als aus dem Jahr 1745.

Vom Annaplatz aus startete daher auch die kenntnisreiche Führung. Die barocke Annakirche (St. Cyriak und Perpetua) mit dem aus der Garnison stammenden Hochaltar und die sie umgebenden Häuser stellen heute wohl den ältesten Teil des Stadtteils Wiehre dar. Armut und damit verbunden bescheidene Häuser geben noch ein gefährdetes Zeugnis dieser Zeit wieder. Tagelohnarbeit, etwas Gartenbau versorgten die Menschen, bis vor ca. 150 Jahren der Aufbau und Aufschwung der Wiehre begann. Um finanziell gut gestellten u.a. vor der Cholera fliehenden Hanseat*innen und Pensionär-*innen Häuser anbieten zu können, startete nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der sogenannten Gründerzeit der Bauboom in „Pensionopolis“, wie Freiburg spöttisch genannt wurde: Die Fassaden verkleideten den Ansprüchen der Zeit gemäße Wohnungen, indem die vergangenen Stilepochen von der Romantik bis zum Klassizismus neu aufgelegt wurden, teilweise sogar mit Elementen der architektonischen Gegenbewegung des Jugendstils verbunden. Damit die Gebäude auch der (verlassenen) Heimat etwas glichen, wurden für süddeutsche Bauweise untypisch, Klinkerfassaden gestaltet, nach der Devise: Seid willkommen hier im Süden. Dies galt nicht nur für Norddeutsche, sondern auch für Ausländer. Davon zeugt die Anglikanische Kirche in der Turnseestraße, deren Bau im Jahre 1894 begonnen wurde.

Mit dem versiegten und verschwundenen „Turnsee“, einem kleinen Weiher in diesem Bereich, erreichte die Gruppe eine weitere Etappe des Themas Wiehre und Wasser.

Was wäre ein neuer Stadtteil, wenn nicht auch für den öffentlichen Personennahverkehr gesorgt würde? Die ab 1901 erbaute – und den meisten Strom der Stadt verbrauchende – Straßenbahn ermöglichte es den Wieh-remer*innen, mobil zu sein. Davon zeugt beeindruckend das Straßenbahndepot in der Urachstraße. Dass dabei die Bahntrasse der Höllentalbahn die Straßenbahnlinie in der mit Alleebäumen begrünten Günterstalstraße kreuzte, wurde alsbald als Fehlplanung erkannt und durch den Neubau der Bahnstrecke sowie dem Bau des neuen Wiehrebahnhofs in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts behoben.

An der ersten Bahnstrecke entlang, am alten Wiehre-(Bahn)Hof mit dem Wirtshaus vorbei, ging es weiter der alten Straßenbahnstrecke folgend gen Norden, zum möglicherweise Abriss gefährdeten Kutscherhaus, das sich auf dem Areal der ehemaligen Knopffabrikvilla Risler, Ecke Hilda-/Talstraße, befindet.

Einer Ringkomposition entsprechend, endete die Führung an der Senke des Waldschützbaches, in der im Sommer Kinder mit Freude Wasser pumpen können.

Claus Ramsperger